Die Märtyrer von Otranto

DIE GESCHICHTE APULIENS

Die Eroberung von Konstantinopel durch das Belagerungsheer des Sultans Mehmed II. am 29. Mai 1453 war ein verheerendes Ereignis, das den Beginn einer Krise in Westeuropa und im Mittelmeerraum signalisierte. Eine neue Supermacht war entstanden, und die Stoßwellen erstreckten sich über die folgenden Jahrhunderte.

Für Otranto, einen kleinen Seehafen im Südosten Apuliens, zogen die Erschütterungen schon bald einen rasenden Tsunami nach sich.

Trotz des großen Erfolgs, das Ende des Römischen Reiches besiegelt zu haben, ruhte sich der 21-jährige Mehmed nicht auf seinen Lorbeeren aus. Zuerst drang er in die Balkanländer vor und verleibte sich einen großen Teil des Gebiets ein, um danach seinen Blick auf den größten Preis von allen zu richten: Rom, Symbol für europäische Macht und Sitz der römisch-katholischen Kirche!

Und so begann der selbsternannte Kayser-i Rûm (Cäsar vom Rom), die Invasion Italiens zu planen. Die offensichtliche erste “Anlaufstelle” war Brindisi an der Adriaküste Apuliens. Schlechtes Wetter verhinderte jedoch den Vorstoß, und die Route wurde geändert: Am 29. Juli 1480 wurde die enorme osmanische Flotte mit 18.000 Truppen unter Befehlshaber Gedik Ahmed Pasha gesichtet, als sie sich Otranto näherte.

Obwohl die Stadt nur von einer Garnison aus 400 Soldaten verteidigt wurde, weigerten sich die Bewohner, sich zu ergeben. Ihre Beharrlichkeit wurde zur Legende. Nach zweiwöchiger Belagerung stürmten der Pascha und seine Männer jedoch das Schloss und vernichteten die Stadt und ihre Anwohner. Alle Männer im Alter über 15 Jahre wurden getötet, die Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft. Insgesamt kamen Tausende ums Leben.

Das Schlimmste stand jedoch noch bevor: 800 überlebende Bewohner Otrantos hatten sich mit ihrem Bischof, Stefano Agricoli, in der Kathedrale verbarrikadiert. Nachdem er sich Zugang zur Kathedrale verschafft hatte, forderte Gedik Ahmed Pasha ihren Übertritt zum muslimischen Glauben als Alternative zu ihrem sicheren Tod. Jeder einzelne der 800 weigerte sich. Zur Abschreckung befahl der Pascha seinen Männern, den Bischof zu vierteilen und zu enthaupten. Noch immer weigerten sich die 800, ihrem christlichen Glauben abzuschwören, angestachelt von einer mitreißenden Rede eines einfachen Schneiders namens Antonio Pezzula.

Um nicht das Gesicht zu verlieren, blieb dem Pascha keine andere Wahl, als seine Drohung wahrzumachen. Die 800 wurden auf den Berg Minerva geführt, wo einer nach dem anderen enthauptet wurde. Es war der Vorabend von Mariä Himmelfahrt, der 14. August 1480.

Dank der langen Belagerung von Otranto konnten die verschiedenen Herrscher Italiens, darunter der König von Neapel, Ferdinand I., Streitkräfte aufstellen, was möglicherweise zur Rettung Roms beitrug. Die Osmanen verleibten sich weitere Städte in Apulien ein, mussten aber bald feststellen, dass ihre Zeit abgelaufen war. Sie hinterließen eine Garnison in Otranto und segelten in Richtung Heimat, in der Absicht, im kommenden Frühling zurückzukehren.

Im Mai 1481 starb Sultan Mehmed II. jedoch plötzlich, was im Osmanischen Reich vorübergehend Verwirrung auslöste. In Apulien belagerten die Truppen des Königs von Neapel inzwischen Otranto und eroberten die Stadt nach mehreren Monaten zurück. Die ganze osmanische Garnison wurde dabei vernichtet. Auch Gedik Ahmed Pasha fand kurz danach sein Ende: Vom neuen Sultan unerwünscht, wurde er eingekerkert und am 18. November 1482 hingerichtet.

Und die heiligen Märtyrer von Otranto? Ihre Gebeine wurden geborgen und zurück in die Kathedrale gebracht, wo sie heute noch aufbewahrt werden, eine ständige Erinnerung an die Macht des Glaubens.

 

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